In den Nationalpark Tortuguero kommen die Besucher nicht, weil sie mit dem Kanu durch Kanäle paddeln oder informative Wald- und naturgeschichtliche Spaziergange machen wollen. Das ist Rahmenprogramm, Lückenfüller, Zeitvertreib, bis die Hauptdartstellerin ins Rot- äähh Rampenlicht tritt: die grüne Meeresschildkröte.
Heute zum Glück nur noch als Pancake auf dem Teller.

Hier erleben Besucher:innen das Meisterstück an costa-ricanischer Gründlichkeit.
- Derselbe Strand, der tagsüber frei zugänglich ist, wird bei Einbruch der Dunkelheit gebühren- und führungspflichtig, denn die Schildkröten kommen im Schutz der Nacht an den Strand.
- Der 15 oder so Kilometer lange Strandabschnitt des Nationalparks ist in Sektoren von etwa einer Meile unterteilt. Abgetrennt von ufernaher Vegetation verläuft ein Wanderpfad mit nummerierten Durchgängen zum Strand.
- Die geführten Gruppen dürfen maximal 10 Teilnehmende haben. Es sind mehrere Gruppen je Sektor erlaubt.
- Es gibt 2 Zeitfenster: 20-22 Uhr, 22-24 Uhr.
- Das Los entscheidet über den Sektor und das Zeitfenster, in dem man/frau unterwegs sein wird. Hier ist Pura Vida = Purer Zufall.
Aber das ist nur das Vorgeplänkel.
Was auf jeden Fall vermieden werden soll, sind Hunderte von Tortuga-wütigen Touristen, die bewaffnet mit hochlumigen Leuchtmitteln, über den Strand und die Schildkröten (her-)fallen und das Stressniveau der Gebährenden – sofern sie nicht gleicht wieder kehrt machen – so weit in die Höhe treiben, dass der komplexe Prozess der Eiablage gestört wird. So war es nämlich bis die anfänglichen 2000-er Jahre mit dramatischen Folgen für die Nestzahlen und die Population.
Hier kommen die „Tracker“ oder „Spotter“ ins Spiel. Während sich die Touristen gruppieren, suchen diese Menschen bereits die ihnen zugewiesenen Abschnitte ab und informieren die Guides über Sichtungen.
Am Treffpunkt für „unseren“ Sektor bekommen wir unsere Instruktionen:
- Auf dem Weg bleiben! Es gibt tödliche Schlangen und Frösche.
- Nichts anfassen! Es gibt tödliche Schlangen und Frösche (und Taranteln, wie wir später sehen werden).
- Keine Lichtquellen am Strand! Nur die Guides dürfen Rotlichtleuchten verwenden.
- Am Strand immer hinter dem Guide laufen.
- Und vor allem: keine Fotos! Ja tatsächlich, was auch immer wir zu sehen bekommen werden, ist nur für die Erinnerung bestimmt.
Die Erwartungen haben wir bewusst niedrig gehalten – vor allem nachdem Chamba meinte, dass der uns zugeloste frühe Slot nicht sooo gut sei. Und überhaupt – wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Schildkröte so freundlich ist, just bei unserem Erscheinen dem Meer zu entsteigen, um vor unseren Augen ein Nest zu graben und etwa 100 Eier zu legen?
Vermutlich gering – aber genau so ist es gewesen. Noch während des Briefings informiert eine Spotterin unseren Guide, dass wir Glück haben und uns beeilen müssten. Denn – das ist eine weitere Regel auf dieser Safari – die Schildkröte darf nur während der Eiablage beobachtet werden. Nicht beim Graben, nicht beim Zuschütten des Nestes und schon gar nicht auf ihrem Weg vom und zum Wasser. Und „unsere“ stehe kurz vor dem Ablegen ihrer Eier.
Im Eilmarsch und mit klopfendem Herzen legen wir die Meile zum vorletzten Durchgang unseres Sektors zurück. Ab hier ist nur noch das rote Licht der Führer erlaubt. Wir müssen noch warten, bis sich die Schildkröte in einer Art Geburtstrance befindet, in der sie – angeblich – nichts um sie herum wahrnimmt. Die Zeit überbrückt Chamba mit vielen, vielen Informationen, die alleine schon diese Tour wertvoll gemacht hätten. Von der Schildkröte, die hier sein soll, sehen wir absolut gar nichts.
Tatsächlich ist sie aber nur 20 Meter entfernt, nicht in der Mitte des Strandes, sondern dort, wo die Vegetation beginnt. Chamba leuchtet uns den Weg und wir stolpern und stapfen im losen Sand, bis wir direkt vor bzw. hinter der Schildkröte stehen, also 50 cm von ihrem Hinterteil entfernt und zusehen, wie ein Ei nach dem anderen in die Höhle plumpst. Im Sekundentakt, manchmal 2 auf einmal. Irreal, surreal, wunderschön. Andächtig knien und beugen wir uns vor dem Erlebnis.
Noch zwei Mal dürfen wir der Schildkröte, die nach unserem Ermessen riesig ist, nahe sein, bevor sie beginnt, das Nest zu vergraben. In diesem Moment müssen wir gehen – auch weil sich eine zweite Schildkröte gerade auf ihren beschwerlichen Weg über den Strand macht.
Am nächsten Morgen sehen wir, dass in der Nacht anscheinend viel los war. Was aussieht wie Traktorspuren sind die Spuren der Schildkröten, die nachts hier ihre Eier abgelegt haben. Wo Eier gelegt werden, wird natürlich auch geschlüpft. Die zarten kleinen Abdrücke gehören den Schildkrötenbabys.


Das ist der Strand direkt vor unserem Hotel. Und hier offenbart sich das meisterliche Organisationstalent der costa-ricanischen Behörden: Mit den Nachttouren fangen sie wilde Hobby-Schildkrötenjäger:innen ein und lenken sie in tierschonende Bahnen. Kein purer Zufall.
