Die Hagia Sophia ist ein prominentes und sehr junges Beispiel für ein Vorgehen, das aber auf keinen Fall neu ist: die Umwidmung von Gotteshäusern. Das haben viele Religionsgemeinschaften praktiziert, hier in Istanbul Christen und Muslime und im Moment scheint das Pendel in Richtung Moschee zu schwingen. Ein Beispiel dafür habe ich besucht: die Chora-Kirche, die noch zu osmanischen Zeiten zur Kariye-Moschee wurde. Der Anlass: höchstwahrscheinlich eine Knappheit an Gebetshäusern. Durch ein Erdbeben und Feuer wurden viele Moscheen beschädigt oder zerstört und so richteten sich die Augen auf bestehende Bauten.

Dieser unscheinbare Bau beherbergt einen sensationellen Dekor: detailreiche Fresken und Goldmosaike aus byzantinischer Zeit.

Die Bauherren haben nicht gespart. Die Szenen zeigen viele Wunder Jesu, von der Brotvermehrung bis zur Heilung von Blinden und Lahmen, aber auch die Geburtsgeschichte in Bethlehem. Wo große Teile der Bilder nicht erhalten geblieben sind, sind noch die Inschriften da und erzählen, was dort abgebildet war.



Im Gebetsraum ist zu erkennen, dass die Gotteshaus nicht als Moschee geplant war: die Gebetsnische, die in Richtung Mekka zeigt, ist ein bisschen verkantet in den Raum gemeißelt.

Die Umwidmung funktioniert, weil die Protagonisten der Religion von beiden Glaubensgemeinschaften verehrt werden, wenn auch in unterschiedlichen Rollen. Wenn zwei Religionen ein und dasselbe Haus zu ihrer Heimat machen können, ist das doch eine schöne Form der Koexistenz.
