Wir übernachten im Tempel

Als ob man tagsüber in Kyoto nicht schon genug Tempel sehen könnte, wollen wir jetzt auch noch in einem Tempel übernachten – ganz legal, wohlgemerkt. Südlich von Kyoto gibt es einen ganzen Tempel-Berg – Koya-san. Hier finden sich über 100 Tempel und in die meisten kann man sich als Übernachtungsgast einmieten. Der Aufenthalt dort wird einem von der Buchung (ganz unkompliziert über booking.com) bis zur Zerstreuung vor Ort (Wifi und Fernsehen auf dem Zimmer) so angenehm wie möglich gemacht – ganz auf die japanische Art eben. Die Anreise dauert mehr als 3 Stunden. Am Ende fährt man mit einem Zug entlang eines Tales den Berg hinauf. Die Zugstrecke führt die meiste Zeit mitten durch üppigen Wald.

Immer mal wieder hält der Zug an winzigen Bahnhöfen an,  wo man sich fragt, was hier überhaupt sein soll, dass es eine Haltestelle braucht. Am Ende der Zugstrecke steigt man um in eine Standseilbahn, die so steil ist, dass man glaubt, sie fährt direkt in den Himmel. Und abschließend muss man noch einen Bus nehmen, um vom Bahnhof zur gebuchten Übernachtung zu kommen. Unseren Tempel haben wir schnell gefunden.

Wir werden von einem Mönch empfangen, der uns alles zeigt und erklärt und uns zu unserem Zimmer führt. Die Futons sind schon hergerichtet für die Nacht.

Es gibt noch einen Vorraum mit Blick auf den Innenhof. Dort serviert und der freundlichen Mönch japanischen Tee und Reiscracker. Fühlt sich eher wie ein Luxushotel als ein Tempel an hier.

Wie sich herausstellt, kommen wir gerade rechtzeitig zum Abendessen. Hier wird rein vegetarisch gegessen. Wie immer formvollendet arrangiert.

Außer der Dashi-Brühe und dem Reis ist alles kalt. Es gibt Sesampaste (das weiße viereckige), Auberginen in Zitronen-Ingwer-Marinade, Sojabohnen (in dem Glasschälchen in der Mitte), fein geschnittene Paprika, Tofu (das hellbraune viereckige), Karottenraspel mit Brotstreifen drin, kalte Reisnudeln in Brühe, kleine Gurken und zum Nachtisch eine halbe Orange.

Nach dem Essen kann man noch ins Bad. Das ist fast schon ein richtiger kleiner Onsen. Man schrubbt sich ab und steigt dann in ein heißes geräumiges Becken, hier sogar mit Blubberblasen wie in einer Wellness-Landschaft.

Am nächsten Morgen um 6:30h ist “Morning Prayer”. Um 6:00h wird eine riesige Glocke geschlagen, die man auf dem ganzen Gelände hört. Wecker ist unnötig. Bevor das Gebet beginnt, instruiert uns eine englischsprechende Mönchin, wie wir uns während des Gebets verhalten sollten und was unsere Aufgabe sein wird: Räucherpulver in ein Gefäß zu streuen und die “Great Heart Sutra” mitzubeten/-singen. Beim Räucherpulver muss man sich nacheinander vor ein Kohlebecken setzen, die Hände aneinanderlegen, sich verbeugen und drei Mal Pulver hineinstreuen. Sie meinte, sie macht es dann zuerst, dann die japanischen Gäste und zuletzt die Ausländer. Für die Sutra gibt es glücklicherweise ein Textblatt. Es sind etwas 20 Zeilen so in der Art:

Ki ka wa fu ta mi ka fu fu ku ta ra mi go ni wa sa mi fu ku ra ri li ko to me ne

Dann geht es los. Zwei Mönche singen Sutren und schlagen immer mal wieder auf einen Bronzebottich. Nach etwa der Hälfte kommt irgendwann unser Einsatz mit dem Pulver. Während wir streuen singen die Mönche weiter. Wir haben alle gut aufgepasst und machen es so wie man soll. Dann kommt das Singen. Die Melodie ist nicht besonders eingängig. Es ist mehr Sprechgesang und wirkt wie eine willkürliche Aneinanderreihung von Silben. Die japanischen Gäste trällern fröhlich mit – manche sogar auswendig – wir Ausländer bewegen mehr den Mund und nuscheln ein wenig. Um mit Inbrunst zu singen, ist es eigentlich auch noch zu früh. Nach einer guten halben Stunde ist es rum. Es folgt noch ein etwa 10-minütiger Monolog des einen Mönches (scheint der Obermönch hier zu sein) auf Japanisch für alle, die japansich können. Gähn.

Danach gibt es Frühstück. 

Morgens um 7:00h Misosuppe, Tofu, Eingelegtes und Reis runterzubekommen ist zugegebenermaßen etwas ungewohnt. Als Zugeständnis an westliche Gaumen haben sie netterweise noch ein Schälchen mit Joghurt und Erdbeermarmelade dazugepackt. Sie asiatischen Gäste haben stattdessen Noriblätter. Der Tee wird hier grundsätzlich kalt serviert. Aber die Suppe und der Tofu sind warm.

Nach dem Auschecken schauen wir uns noch etwas um auf dem Koya-san. Es ist nicht so sprituell, wie man vermuten mag. Es gibt auch etliche Souvenirläden und weltliche Geschäfte. Alles in allem schon recht kommerziell.

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