Nein, ich meine nicht das Essen, obwohl auch das glücklich macht. Ich spreche von onsen. Onsen sind heiße Quellen, die in Form von Bädern nutzbar gemacht werden. Auf dieses Erlebnis haben wir uns seit der Planung unserer Reise gefreut. Da die Planungen im nasskalten deutschen Winter begannen, eine wohlige Vorstellung. Dass die Ausführung bei 35 Grad schwüler Hitze sein würde hat unser onsen-Fieber etwas gedämpft.
Aber, Beppu ist das Onsen-Mekka Japans und wo, wenn nicht hier, ist der Besuch eines Onsen ein Muss? In unserer Wohnung gab es nicht nur viele Totoros, sondern auch ein kleines Prospekt, das die wichtigsten Onsen des Ortes vorstellt – und die Baderegeln gleich dazu:
1. Beim Reinkommen die Anwesenden grüßen.
2. Gründlich AUSSERHALB des Beckens säubern.
3. Kein großes Handtuch mit ins Bad nehmen.
4. Sich ruhig und leise verhalten, um die anderen nicht zu beslästigen.
Gerne auch in Bildern für die Ausländer:

Also kein Hexenwerk, das kennen wir schon aus Magome und dem Tempel. An einem Abend packe ich entschlossen meine Sachen, vorsichtshalber Handtücher, Seife, Waschlappen, und das war gut, denn außer dem Wasser gibt es in einem öffentlichen Onsen nichts. Meine Wahl ist der Furosen-Onsen in der Nähe – kein Spa-Etablissement mit mixed-gender-Becken, wo man gar noch seinen Bikini anziehen kann. Behüte! Etwas kleines authentisches sollte es sein.
Wie ich mich dem Onsen nähere kommen mir viele Menschen in Badelatschen mit kleinen Körbchen und einem Turm aus Handtüchern und riesigen Shampoo- und Waschlotion-Flaschen darin entgegen. Oha.
Dies war mein erster Eindruck:

In dem Kassenhäuschen links saß eine annhähernd 90-jährige Dame, die mir “zen en” hingehaucht hat (100 Yen Eintritt). Die Schließfächer auf der rechten Seite sind für die Schuhe, die man VOR der schwarzen Linie am Boden auszieht. Danach geht man barfuß. Badelatschen sind nicht für drin offensichtlich. Links hinten geht es zum Damen-Onsen.
Die geräumige Umkleinde hat Fächer mit Körben, in denen man seine Sachen lassen kann und wird von zwei großen Ventilatoren belüftet. Hier merke ich, dass mir nebem dem Körbchen noch ein weiteres wichtiges Utensil fehlt: die eigene Schüssel, mit der man sich das Wasser über den Körper kippt. Zum Glück gibt es so kleine Bottiche. Und auch Schemel, auf die man sich vor den Wasserhan setzen kann.
Gemütlich, oder? Die beiden Becken haben eine unterschiedliche Temperatur, dazu später mehr.

Also, ich bewaffne mich mit Hocker und Bottich und lasse mich vor einem Wasserhahn nieder – aber aus dem Hahn kommt nur kaltes Wasser!? Mein Gesichtsausdruck wechselt von kennerhaft zu verwirrt, was eine der anwesenden Damen dazu veranlasst, mir zu bedeuten, ich solle weiter durchgehen. Aber da ist überall nur kaltes Wasser drin. Egal, denke ich, ist ja warm hier drin, nehme ich eben kaltes Wasser, dann ist es nachher im warmen Becken umso schöner.
Statt eines Körbchens habe ich eine kleine Pastiktüte mit meinen Habseligkeiten. Ich beginne, was ich für eine ausführliche Reinigung halte. Nach mehreren Minuten des Schrubbens, Seifens und Schäumens schrecke ich mich mit dem echt kalten Wasser ab, schaue noch mal verstohlen in die Runde, ob eine der Damen entsetzt schaut, und traue mich ins Wasser. Ich nehme das Becken, um das und in dem alle sitzen. Und beobachte. Und erkenne, ich habe so ziemlich alles falsch gemacht.
1. In Beppu setzt man sich zum Säubern an den Rand des warmen Beckens (sonst gibt es ja kein warmes Wasser).
2. Man setzt sich auf einen kleine weiche Matte aus Plastik, die unserem Teppich in der Küche nicht unähnlich ist. Es ist nämlich eine großer Faux-pas mit bloßem Po auf dem Boden zu sitzen.
3. Das Schrubben, Seifen und Schäumen dauert mindestens 15 Minuten, danach setzt man sich für 30 bis 60 Sekunden IN das Becken und geht.
4. Nicht jedoch, ohne beim Rausgehen noch einen Schwall Wasser aus den Becken rechts und links vom Eingang über sich zu schwappen.
5. Optional kann Schritt 3 mehrfach wiederholt werden.
Nach ca. 10 Minuten beschließe ich auch eine zweite Säuberungsrunde, jetzt bewusst mit kaltem Wasser, weil mir der Kreislauf etwas abgesackt ist. Danach wende ich mich dem Becken zu, in dem niemand ist. Nach zwei Schritten – ich stehe immer noch auf der Treppe – habe ich mir fast die Füße verbrannt und folge der Aufforderung der Japanerinnen, doch ins andere Becken zu steigen…
Als ich gehe, nehme ich auch einen beherzten Schwall aus besagtem Becken in Schritt 4 – und verbrühe mich fast dabei. In Japan ist nichts so, wie es scheint.
Es war eine sehr schöne und aufschlussreiche Erfahrung. Ein Onsen ist ein Ort der Begegnung, der Entspannung und des Etwas-für-sich-tun. Der Prozess dess Reinigens steht im Mittelpunkt, nicht das Im-Wasser-sitzen. Es ist ein bisschen wie Meditation, Sich-Versenken. Es ist nicht unbedingt still dort, weil man sich unterhält, aber es ist gemütlich und wohlig und man fühlt sich geborgen. Ganz leicht bin ich nach Hause gegangen.
