Carmen, Kepler Track

Tag 1

Meine erste 4-Tages-Wanderung. Es
soll nass werden, eine Vorhersage, mit der man so falsch nicht liegen kann –
immerhin befinden wir uns im drittnassesten Gebiet der Welt, wie die Anwohner (scheinbar
nicht ohne Stolz) nicht müde werden zu betonen. Morgens sieht es eigentlich
ganz freundlich aus, aber ich packe mich dick ein: Outdoor-Hose, Wanderschuhe,
dicke Treckingsocken, Lauftop, Thermo-Unterhemd, Island-Fleeze, Daunenjacke und
Regenjacke; Leggins, Regenhose, Handschuhe und Mütze sind im Rucksack. Das
letzte Wetterupdate: “heute regnerisch, Wind bis zu 60 km/h; morgen
Schauer, bis 80 km/h, Samstag soll es einfach nur schütten. Das ist ein Wort.

Noch ist es aber trocken. Am
Startpunkt ziehe ich erst mal meine Daunenjacke aus. Etwas später entledige ich
mich der Regenjacke, weil die Sonne durchkommt. Als der Aufstieg – 880
Höhenmeter – beginnt ziehe ich das Island-Fleeze aus und gehe im langen
Unterhemd. Eigentlich würde ich auch das gerne ausziehen, allein die Angst vor
den Stichen der Schwärme von sandflies
hält mich ab. Von Regen keine Spur, nur der Wind schüttelt die Baumkronen, dass
sie Rauschen wie Meeresbrandung.

Es geht bergauf durch einen Wald
von urwüchsiger, undurchdringlicher Üppigkeit. Ich bin völlig allein – erst
nach der Hälfte Strecke treffe ich die ersten, die bergab gehen. Irgendwann
wird das Blätterdach lichter und jetzt beginnt der Wald diese magische
farnhafte Form anzunehmen: Bäume, die von der Wurzel bis zur Krone von lichen
(Flechten) überwuchert
werden, alles in ein fahles Grün getaucht, als würde man die Welt durch einen
Filter betrachten. Es ist schwül und gleichzeitig windig. Erste Böen bahnen
sich den Weg durch die lichten Kronen. Und dann hört der Wald plötzlich auf, ich
biege um eine Ecke und vor mir liegt nur noch tussoc-Gras, das sich
Büschel über Büschel über die wellige Alpinlandschaft erstreckt. Und jetzt ist
auch die ganze Wucht von 60 km/h Windstärke zu spüren. Das gemeine sind die
Böen, in die man sich hineinlegt, die aber dann plötzlich abebben. Stolpern,
Ungleichgewicht, Ausbalancieren, neue Bö. Ich kämpfe mich voran, versuche, in
einer geschützten Ecke das Panorama zu genießen und geht weiter, bis hinter
einer Kurve unvermittelt die Hütte steht – ein Versprechen auf Schutz und
Behaglichkeit. Es ist erst 16 Uhr als ich ankomme. Es kommt die bunkin-in
procedure: Schuhe ausziehen, Stockbbett suchen, Nummer eintragen. 

Vom Ranger lernen
etwas zum Kampf gegen eingeschleppte Räuber, die stoats (sprich „stouts“),
die in nur wenigen Jahrzehnten die Vogelwelt dezimiert und zum Teil ausgerottet
haben. Beim hut talk erläutert der Ranger die does and dont’s des
Hüttenlebens. Er ist sehr gründlich, was das Verhalten im Notfall, konkret
Feuer, angeht. Vom orkanartigen Wind in den Schlaf geheult schreckt uns mitten
in der Nacht der Alarm hoch. Ungläubig versuche ich meine Gedanken zu sammeln.
Nur das Wichtigste mitnehmen. Aber ich hab’ eh nur das Nötigste dabei! Draußen
ist es kalt, also den Schlafsack, es soll regnen, also die Regensachen, und
mein Geld, also die Hose anziehen, an der alles hängt, und das Essen, also den
Rucksack. Bis ich mich aus dem Schlafsack gemüht habe, den ich natürlich auch
gegen die Kälte brauche und dessen Reißverschluss sich alle 2 cm verklemmt, bin
ich mit die letzte, die nach unten taumelt. 30 Sekunden später heißt es „back
to bed“ und der Spuk ist vorbei – wenigstens für diese Nacht.

Kepler Track, Tag 2

Im bunk
room
herrscht ab 4 Uhr morgens ein kontinuierliches Rascheln und Kruschteln,
im Schein von Stirnlampen wird gelesen, gepackt, geordnet. 50 Menschen auf
engstem Raum, wo die Intimsphäre auf das Überhören und -sehen der anderen
zusammenschrumpft.

Es ist noch dunkel, als ich bewaffnet mit
der Stirnleuchte den common room
betrete. Am Horizont spannt sich ein glutroter Streifen – die Sonne geht auf
und beleuchtet einen windigen trockenen Tag – noch. Die Vorhersage war wenig
ermutigend: Wind und Regen, gegen Abend stärker werdend. Ich will früh los,
stehe um 7 auf und verlasse die Hütte um … 9. Was habe ich in den zwei Stunden
denn gemacht? Ich habe sogar vergessen, meine Zähne zu putzen!

Der Wind zerrt noch immer an einem.
Immerhin habe ich das meiste, das ich dabei habe, heute an, einschließlich der
Handschuhe. Es geht immer noch bergauf, und an Berghängen lang. Hier oben
wächst sogar kaum noch Gras. Die Aussicht geht auf Te Anau hinunter, in ein
völlig anderes Leben. Hier oben hat nichts von dem Bedeutung und das ist die
schönste Erkenntnis dieser Wanderung. Es geht nur darum, irgendwann an der nächsten
Hütte anzukommen, wo nichts und niemand auf einen wartet.

Die Gratwanderung ist spektakulär und
weniger nervenaufreibend, als befürchtet. Aber die Etappe ist lang. Das letzte
Drittel geht nur noch bergab – jene 880 Höhenmeter, die ich am Tag zuvor erklommen
habe. Mit jedem Meter tiefer wird es wärmer, der Wind ebbt ab, die Vegetation
geht wieder in das satte Grün über und es wird schwül. Und es kommt das
Vogelsingen zurück, abwechslungsreich und melodiös und wunderschön, wenn der
Gesang das einzige Geräusch ist, das einen begleitet. Von Regen noch immer
keine Spur. Fruchtriegel hängen mir schon am zweiten Tag zum Hals raus, gut
dass ich noch div. Dosen Tuna, Pumpernickel, Scheibenkäse und Salamiwürstchen
dabei habe. Alles in allem hätte ich wohl noch 3 Tage dranhängen können ohne
Hunger zu leiden.

Da wir alle um die gleiche Zeit
aufgebrochen sind, läuft man heute nicht so allein, und bei den Schutzhütten
ergibt sich immer mal ein kurzes Gespräch, was sehr schön ist.

Der hut
talk
wird zur Standup-Comedy-Einlage von Ranger Theo, einschließlich
Imitation des kiwi-Rufs. „It was
priceless“. Die Wettervorhersage für morgen: REGEN.

 Kepler Track, Tag 3

In dem Wissen, einen verregneten Tag vor
mir zu haben, beschließe ich, mich nicht zu beeilen, zum Nasswerden habe ich
noch den ganzen Tag Zeit. Gegen morgen prasseln Regenschauer auf die Hütte. Ich
schlafe bis um 8 und fühle mich zum ersten Mal ausgeruht. Das gewohnte Bild und
Ritual: Wanderer in der Kochhütte, viele mit Stirnlampe, weil immer noch ziemlich
dämmerig, manche verschlafen wortkarg, andere schon am frühen Morgen ein
Gesprächsgewitter. Die ersten schultern die Rucksäcke, andere wachen bei einer
Tasse Kaffee erst auf. Die Abstände zwischen den Schauern werden länger aber
als ich aufbreche (wieder als eine der letzten) beginnt es erneut zu regnen,
immerhin nicht sintflutartig und ja, die Bäume geben den versprochenen Schutz.

Ich lasse mir Zeit, schlendere,
fotografiere, halte nach Vögeln Ausschau, horche auf ihren Gesang. Es ist so
entspannend, niemanden hinter sich zu wissen und ich bedauere, zwei langsamere
Wanderer einzuholen. Heute geht es mehr oder weniger eben dahin durch diesen
mittlerweile schon altbekannten Küstenwald mit wuchernder Vegetation, wo
riesige Farne den Waldboden bedecken, wie bei uns Bärlauch im Frühjahr. Obwohl
oft gesehen, immer noch magisch. Vögel flattern um mich herum; eine ganz
unerschrockene Art setzt sich gerne vor mich auf den Boden und pickt nach
Würmern. Es ist fast wie ein Spiel: wir beobachten uns, und immer wenn ich
nicht hinsehe macht er ein paar Hopser auf mich zu und tut dann, als wäre
nichts gewesen…

Irgendwann sehe ich auf die Uhr und merke,
dass ich schon 5 Stunden unterwegs bin und noch einiges vor mir habe. Nach 6
Stunden wird die Lauferei etwas zäh und ich wünsche, die Hütte käme langsam
in  Sicht. Irgendwann hat es sich auch
auf der schönsten Strecke ausgeschlendert. Nach sechseinhalb Stunden kneift
mich der Gedanke, die Hütte verpasst zu haben. Da taucht der Manapouri-See auf
und der Weg führt über Planken durchs Gehölz, die Sonne steht schon ziemlich
tief und das Abendlicht macht alles weich und warm. Schon vor Stunden hat es
aufgehört zu regnen. Auf die Vorhersagen ist zum Glück kein Verlass. Und dann
bin ich da. 7 Stunden ausgeschöpftes Genießen, Zeit zu haben. Bunking in,
dinner, hut talk, schlafen. Wieder kein Feueralarm in dieser Nacht. Die Uhr wir
auf Winterzeit umgestellt.

Kepler Track, Tag 4

Ich mühe mich um 7 Uhr aus dem Schlafsack.
Seit 4 Uhr döse ich nur so dahin, weil heute Morgen eine besonders raschelige
Gruppe früh aufbricht. Aber ich will nicht zu spät am Treffpunkt ankommen. Zum
ersten Mal brauche ich auch nur 1,5 Stunden, um aufzubrechen – und das mit
Zähneputzen. Unnötig zu sagen – es regnet nicht. Das letzte, kurze Stück ist
eine Fortsetzung des vorherigen Tages und jetzt macht es auch wieder Spaß, zu
wandern. Die Morgenstimmung ist frisch, erfrischend. Die Vorfreude auf das
Wiedersehen überspannt alles und beschwingt. Und dann ist es plötzlich zu Ende.
Ich sehe die Hängebrücke über den Fluss zum Parkplatz und wie ich darauf
einschwenke höre und sehe ich Patricia und Lennard und es ist ein sehr schönes
Gefühl, dieses einmalige Erlebnis so abzuschließen.

 Das Zitat des Tracks: "It’s
unbelievable. For three days we’ve been to the third wettest place on earth and
we didn’t get wet”.
Gesprochen vom fellow hiker aus Indien.

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