Leerer Traumstrand mit moderaten Wellen – was liegt da näher als nicht mal Surfen auszuprobieren? Ich spreche zwei Jungs an, die augenscheinlich gerade einen Kurs halten, ob Lennard und ich am Nachmittag spontan einen Kurs buchen könnten. Klar – hier ist alles „Pura Vida“ also mit anderen Worten „Kein Problem“, „Alles ist möglich“, „Genieß einfach das Leben“!
Als wir uns nachmittags zur vereinbarten Zeit mit unserem Surflehrer Brat am Strand treffen ist wegen der Flut relativ wenig übrig vom Strand und die Wellen scheinen etwas höher als am Morgen, was ihn kurz zum Nachdenken bringt. Der Gedanke währt aber offensichtlich nur kurz und wird mit einer Handbewegung und den Worten „Ihr seid ja nicht ängstlich, oder!“ weggewischt. Zunächst bekommen wir ein paar Hinweise, wie man sich zu verhalten hat, wenn man von einem Rip Current erfasst wird. Das ist eine ufernahe Strömung, von der man vom Strand hinaus auf‘s Meer gezogen wird. Die Maxime lautet – Ruhe bewahren. Die Strömung hört meist hinter den Wellen etwas weiter draußen auf und man kann diagonal zu den Wellen zum Strand zurückschwimmen. Gut zu wissen. Hoffe trotzdem, dass wir es nicht brauchen werden.
Anschließend folgen ein paar Trockenübungen. Wir üben den richtigen Bewegungsablauf um liegend vom Brett ins Stehen zu kommen. Wir üben es 3 oder 4 Mal, dann ist Brat der Meinung, das sitzt. Ich bin mir da nicht so sicher, aber wenn er meint. Dann geht es auch schon ins Wasser – oder besser in die tosende Brandung. Er erklärt uns noch kurz, wie man das Brett gegen die Wellen manövriert. Bei den vielen, nicht gerade sanft anbrandenden Wellen, die frontal auf mich zukommen, wird mir leicht mulmig zumute. Holy shit! Aber viel Zeit um sich in Ängste reinzusteigern gibt es nicht. Lennard wurde derweil aufgefordert sich auf‘s Brett zu legen, Brat dreht ihn auf dem Brett in Richtung Strand, von hinten kommen Wellen, die wohl noch nicht taugen. Die nächste Welle, die heranrauscht scheint geeignet. Brat schreit „Start paddling, paddle, paddle“ und dann „Up“, was wohl heißt, dass Lennard auf dem Brett aufstehen soll. Was er macht und erstaunlich lange auf dem Brett stehen bleibt und auf der Welle Richtung Strand segelt. Ich bin beeindruckt! Und gleichzeitig nicht sehr zuversichtlich, dass das bei mir ähnlich erfolgreich verlaufen wird. Brat ist begeistert und gibt Lennard zwei Daumen hoch.

So, nun bin ich dran. Ich lege mich auf‘s Brett, Brat dreht mich in die Brandung. Vor der richtigen Welle rauschen noch ein paar über mich drüber, aber Brat hält das Brett und mich auf dem Brett. Dann das Kommando „Paddle, paddle“, ich fange kräftig an mit den Armen zu paddeln – „Arriba“. Ich versuche, den Bewegungsablauf der Trockenübungen zu reproduzieren, was nicht so ganz klappt. Stehe daher nicht so besonders gut und kippe auch recht schnell wieder seitlich vom Brett runter. So habe ich mir das vorgestellt. Aber egal. Brat ist schon dabei Lennard zum zweiten Mal loszuschicken. Danach wieder ich. Tue mir immer noch etwas schwer, den Bewegungsablauf zum Aufstehen hinzukriegen, außerdem stehe ich diesmal zu weit vorne, dass sich die Nase des Bretts zu weit ins Wasser neigt und mache wieder recht schnell einen Abgang. Aber Brats Learning-By-Doing-Ansatz scheint der richtige zu sein, denn es wird sowohl bei Lennard als auch bei mir rapide besser. Die nächsten Male klappt das mit dem Aufstehen schon viel intuitiver, man kriegt ein besseres Gespür dafür, wo man auf dem Brett stehen muss und dann ist es eigentlich garnicht so schwer. Beim dritten Mal bleibe ich schon erstaunlich lange stehen und beim vierten Mal nimmt mich die Welle sanft bis zum Strand mit.

Als das Brett auf dem Sand aufsetzt, bin ich so verblüfft, weil ich so weit gekommen bin und Brat auch gar nichts gesagt hat, wie man von dem Ding wieder runterkommt, wenn nicht unfreiwillig. Ich purzle irgendwie runter und kann es nicht fassen. Ich bin gesurft!!! Bei Lennard läuft es inzwischen super.


Auch meine nächsten Versuche sind erstaunlich erfolgreich. Brat ist total glücklich ob unserer raschen Fortschritte. Wir reiten eine Welle nach der anderen, und nach einer kurzen Trinkpause nochmal. Es ist Wahnsinn! Beim nächsten Stuttgarter Bürgerentscheid, stimme ich auf jeden Fall für die Einrichtung einer Surfwelle im Neckar! Pura Vida!

