Klar haben wir in Stuttgart auch ein von Le Corbusier designtes Haus, aber das hier ist schon nochmal eine andere Nummer und nicht umsonst Weltkulturerbe. Weil ich so beeindruckt bin von der Vision, dem bis ins kleinste Detail durchdachten Design, den praktischen Features und dem Wert, der dem Gemeinschaftraum beigemessen wurde, schreibe ich ein bisschen ausführlicher dazu.

Mit einer Führung über die Touri-Info hat man die einzigartige Möglichkeit, nicht nur das Gebäude selbst zu besichtigen und eine Menge Wissenswertes zu erfahren, sondern man kann auch eine der Wohungen, die im ursprünglichen Stil konserviert wurde, von innen sehen.

Mit dem Ziel neuen und modernen städtischen Wohnraum nach dem Krieg zu schaffen, wurde Le Corbusier Ende der 1940er Jahre vom Ministère de la Reconstruction et de L‘Urbanisme mit dem Entwurf eines Wohngebäudes beauftragt. So entstand zwischen 1947 und 1952 die Cité Radieuse. Die Bezeichnung „Cité“ ist dabei nur auf den ersten Blick irreführend, weil es sich ja nicht um ein Viertel oder mehrere Gebäude handelt, sondern nur um eines. Bei näherer Betrachtung ist die Bezeichnung aber durchaus gerechtfertigt. Denn ganz nach dem Plan von Le Corbusier handelt es sich hier um eine „vertikale Stadt“. Le Corbusier wollte es sogar als eine „Vertikale Gartenstadt“ verstanden wissen. Damals am Anfang der 50er Jahre befand sich dieser Teil Marseilles auch noch im weitestgehend Grünen. Mitten auf dem Land sozusagen. Für Le Corbusier sollte es eine Synthese sein aus kleinen Einfamiliendomizilen am Stadtrand und großen urbanen Wohneinheiten. Le Corbusier wandte auch hier seine 5 Grundsätze der modernen Architektur an (die er 1923 zusammen mit seinem Cousin Pierre Jeanneret aufgestellt hatte):
- Pfeiler bilden die tragende Kostruktion und lassen das Gebäude schweben
- Eine Dachterrasse dient der Erholung und als gemeinschaftlicher Raum
- Eine Innenkonstruktion ohne tragende Wände lässt die freie Raumgestaltung zu
- Eine freie Fassadengestaltung wird durch die Trennung von der Baustruktur möglich
- Langfenster versorgen das Innere großzügig mit Licht



Das Gebäude ruht fest auf über 30 Betonpfeilern, die nicht nur die Konstruktion tragen, sondern auch Platz bieten für Rohrleitungen. Unter den eigentlichen Wohnetagen befindet sich eine Serviceetage die die Gebäudetechnik aufnimmt. Alles was darüber kommt, kann also dem urbanen Wohngefühl gewidmet werden. Die Flure werden „Straßen“ genannt und sind tatsächlich lange breite Fluchten, von denen die „Haustüren“ abgehen. Bis die Briefträger:innen irgendwann Einspruch erhoben, hatte jede Wohnung ihren eigenen Briefkasten.

Das Gefühl zu schaffen, in einem kleinen Häuschen zu leben, wird innen weitergeführt. Die meisten Wohnungen sind zweigeschossig und haben Balkone mit Ausblick auf die Berge und das Meer. Die Fensterfront kann vollständig aufgeklappt werden, als wäre man im Freien.

Auf den mittleren beiden Etagen gibt es Ladenpassagen, Gästezimmer, einen Saal für Feiern und eine Bibliothek. Weiter oben eine Grundschule. Auf dem Dach einen Fitnessraum, eine Laufstrecke, einen Platz für Freilichtaufführungen, ein Wasserbecken, Picknickplätze und eine Kinderkrippe. Alles – bis auf die Grundschule, da wollte er eine Arztpraxis einrichten – schon so von Le Corbusier konzeptioniert. Anfang der 50er Jahre!





Das Innere der Wohneinheiten war nicht minder visionär und modern: Einbauküchen, Einbauschränke, ein en-suite Badezimmer im Elternschlafzimmer, mit Schiebetür trennbare Kinderzimmer, Kühlschrank, Elektroherd, Zentralheizung, Kinderdusche im Bootsstil. Alles offen und praktisch und so völlig zeitlos, dass man am liebsten sofort einziehen möchte.








Die großen Schließfächer an der Haustür sollten der Lieferung von Lebensmitteln dienen aus dem hauseigenen Lebensmittelladen. Innen öffneten sie sich direkt in die Küche, um die Lieferung bequem zu entnehmen.

Die Wohnungen selbst bestehen aus 3 Standardmodulen, die zu unterschiedlichen Wohnungsgrößen kombiniert werden konnten und sich in die Struktur wie Flaschen in einen horizontalen Getränkekasten einfügen.
Was die Bewohnerschaft – damals und heute – angeht, kann man allerdings kaum von sozialem Wohnungsbau im klassischen Sinne sprechen. Nach Fertigstellung wurden die Wohnungen zunächst an Staatsbedienstete und Funktionäre vermietet. Später verkauft. Auch heute werden viele Wohnungen von ihren Eigentümern bewohnt. Instandhaltung, große Gemeinschaftsfläche etc. kosten nicht unerheblich.
