Do as the locals do

Da wir nicht so tun können, als seien wir keine Touristen – was das Optische angeht – wollen wir uns an die hiesigen Gepflogenheiten anpassen. Eine davon läuft unter dem Stichwort Hands-free Travelling – Reisen ohne Gepäck.

Schon in der Dokumentation zum JR Railpass wird man darauf eingestimmt: Es gebe allenthalben keinen Platz für sperrige Koffer – weder in der U-Bahn (und wir sprechen noch nicht einmal von den Stoßzeiten), noch im Shinkanzen (extra Stauraum für Gepäck ist nicht eingeplant); man bedenke auch, dass viele Bahnhöfe nicht barrierefrei sind und man außerdem Andere mit seinen sieben Sachen grundsätzlich belästige. Zuvorkommenderweise wird die Lösung gleich mitgeliefert, die da heißt Takkubin. Das ist DER Service für Transporte von Sperrgut (ja, auch Koffern) in Japan. Praktischerweise steht er an jeder (das kann man wörtlich nehmen) Ecke zur Verfügung.

Im Übermut unserer sprachlichen Erfolge nehmen wir Takkubin für den Hop von Tokyo nach Kyoto in Anspruch, weil da ja noch dieser Stopover in Magome ist. Es ist auch denkbar einfach: Transportschein ausfüllen (s.u.), im nächstgelegenen Konbini (Convenient Store) abgeben und zur gewünschten Adresse liefern lassen.

Wir rücken also bei Familiy Mart mit unseren drei Gepäckstücken und drei ausgefüllten Transportscheinen an. Als erstes ruft die Dame an der Kasse ihren Kollegen, der ein bisschen Englisch kann. Es folgt die Bestätigung der Gegenbestätigung der Anzahl unserer Koffer, die händische Ermittlung der Gepäckstückmaße, das Vervollständigen der Papiere mit allerlei Schriftzeichen und Stempeln, das Bezahlen. Zu guter Letzt greift sich die wahrscheinlich 60-jährige Dame, die kleiner ist als als, den Trekkingrucksack und einen der Koffer (zielsicher die schwersten Stücke) und wuchtet sie vor ein kleines Schwingtürchen mehr oder weniger mitten im Laden und sagt: “kore-wa ii desu” (hier ist es gut). Ja, denken wir, dann. Noch ein Heißgetränk auf die Hand und Bon Voyage.

Die Anlieferung soll am übernächsten Nachmittag erfolgen – um sicherzugehen, dass wir auch wirklich da sind. Aber das wäre zu einfach gewesen.

Pünktlich zum bestellten Zeitfenster sind wir zurück und es beginnt das Warten. Wir warten, und warten. Schauen auf die Uhr – oh erst eine halbe Stunde – und warten weiter. Die anfängliche Entspannung (”hey, wir sind in Japan”) wird zunehmend zu Spannung (”ob das klappt?”), bis sich Zweifel einnisten (”haben wir das richtige Datum angegeben?”) und schließlich Angstschweiß auf die Stirn tritt (”was machen wir, wenn er nicht kommt?”). Ich mache es kurz – es kam niemand. Um 19 Uhr haben wir bei Takkubin angerufen. Leider spricht man dort nur bis 18 Uhr englisch. Ich wollte die Adresse verifizieren und bin in das Hotel nebenan geplatzt – und was hält mir der Portier unter die Nase – eine “non-delivery notice” von Takkubin: Empfänger war nicht anzutreffen!?!

Es gab noch diverse weitere Verwicklungen, die damit endeten, dass am nächsten Tag ein weiterer Zustellversuch unternommen werden soll – irgendwann am Vormittag. Anstatt also einen der 250 Tempel in Kyoto zu besuchen, saß ich von 8 bis 12 Uhr vor der Tür unseres Appartments und habe wie eine Katze auf die Maus gelauert. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich den Lieferwagen doch verpassen sollte, platzierte ich Schilder mit meinem Namen rund um das Hotel, die zu unserer Wohnung zeigten.

Pünktlich um 9 Uhr rückte – nein nicht Takkubin – sondern ein Trupp Bauarbeiter an und sperrte erst mal die Straße zu uns ab.

Aus Langeweile lese ich die Hausregeln unserer Wohnung: “No loitering in front of the building! Neighbours are easily disturbed.”

Um 11 Uhr noch immer nichts. Aber ich habe aus meinen Fehlern gelernt und rufe rechtzeitig an und – juhuu – 10 Minuten später stehen 3 Koffer in unserem Vorraum.

Hier noch ein kleiner Exkurs zu Adressen in Kyoto, der einiges aufklärt:

Nur Hauptstraßen haben Namen. Kleinere Straßen werden in Bezug auf die nächstgelegene größere Kreuzung beschrieben. Angegeben wird, ob die Adresse nördlich oder südlich der Ost-West-Achse der betreffenden Krezung liegt. Nur im fortgeschrittenen Fall wird auch die Lage bezüglich der Nord-Süd-Achse genannt. Hausnummern gibt es keine.

Da wir Ausländer sind, hat der Takkubin-Bote die wahrscheinlichste Variante gewählt: das Hotel an der Ecke. Hätten wird das nur vorher gewusst.

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