Wir waren bisher noch nie in einem Land, dessen Sprache und Schrift sich so grundsätzlich von einer uns bekannten Sprache oder Schrift unterscheidet, wie Japanisch. Da hilft nur eins: zurück auf die Schulbank. Eineinhalb Jahre und vier vhs-Japanischkurse später sollte ich immerhin theoretisch in der Lage sein, Sätze wie diesen grammatikalisch korrekt zu formulieren: “Gestern habe ich in einem Kaufhaus rote Schuhe und gelbe und grüne Äpfel gekauft und Zeitung gelesen.” Die praktische Relevanz dieser Aussage steht auf einem anderen Blatt. Ich sollte, schon praxisnäher, mit Gastebern konversieren, nach dem Weg fragen und die Antwort verstehen können. Ich sollte bestellen und bezahlen können. Und außerdem in der Lage sein, die beiden Silbenalphabete zu lesen. Dies gesagt theoretisch.
Praktisch stellt es sich so dar, dass das gesprochene Japanisch in einem Schwall an mir vorbeirauscht, ohne dass ich ein bekanntes Schnipsel hätte herausfiltern können. Bis, ja bis zu jenem Abend in Tokyo, an dem wir im Restaurant, wie üblich durch Zeigen auf die Speisekarte, unsere Wünsche äußerten. Die kleine Portion Reis, die als Beilage dazu sollte, gab es nicht als Bildchen, also habe ich mit Kennermine “sho gohan” bestellt. Der Kellner stutzt, richtet sich aus seiner verbeugenden Haltung auf, schaut mich an und sagt: “Nan desu ka?” Und ich, die ich mich kurz entrüsten will ob der Frage, werde plötzlich ganz euphorisch, denn ich habe zum ersten Mal einen an mich gerichteten Satz auf Anhieb verstanden: “Was ist das?”
